Leere Kirchen – volle Herzen



Ostern 2020. Ein kleines Abenteuer. Nicht wissend, was da kam, wie das alles laufen sollte.  Ich muss gestehen, es fiel mir nicht einfach, diese Tage zu verleben. Ich wusste um gewisse Absprachen und Abläufe, oder eben keine Abläufe. Mein Plan, wie ich diese Tage gestalten wollte, stand schon fest.  Doch das eine war mein Kopf und das andere mein Herz. Tief in meinem Inneren spürte ich eine enorme Sehnsucht nach Begegnung. Begegnung mit dem Auferstandenen, doch – und das erzählt uns ja die Bibel sehr ausführlich- vor dieser Begegnung steht erst: Verzweiflung, Angst, Trennung, Schmerz, Verrat, blutiges Ende.

 

So war, neben den vielen kleinen Erlebnissen, die ich in diesen Tagen hatte, eines meiner stärksten der Karfreitag. Ich hatte mir vorgenommen, mit dem Fahrrad von meiner Wohnung in Freisenbruch nach Steele, St. Laurentius, zu fahren. Es war ein wunderschöner sonniger Frühlingstag. Ich radelte den Hellweg entlang. Vereinzelt sah ich Menschen, die teils - in großen Abständen natürlich - an der Trinkhalle  standen und ein Bierchen tranken oder die einfach nur spazieren gingen. Und was tat ich? Ich war auf dem Weg zur Kirche. Auf dem Weg zu Ihm. Auf dem Weg zur Kreuzigung.

 

Ich erlebte in mir eine total komische Stimmung. Das schöne Wetter, die aufblühende Natur – wie paradox, wie seltsam, wie verzerrt das alles. In der Kirche angekommen, kniete ich mich in eine Bank. Das Kreuz war da. Mitten vor dem Altar. Irgendwie schön anzusehen. Die Kirche fast menschenleer. Nur ein, zwei Personen, im Gebet versunken. Ansonsten, Totenstille. Jesus  hing. Er hing da vor mir. Ich saß ziemlich weit vorne. Es berührte mich auf einmal zutiefst, WIE er da vor mir am Kreuz hing. Es war ein sehr tiefer und sehr persönlicher Moment. Ich fühlte mich unheimlich angesprochen: seine Wirklichkeit in meiner Wirklichkeit. Ich erkannte auf einmal – es mag paradox klingen – Seine Schönheit. Eine Schönheit in so viel Grausamkeit und Leid, wie das wohl kein anderer erleben und durchleben mag. Es war Seine Schönheit und Seine Zusage, die da in meinem Innern ertönten: ich bin da. Ich bin für dich/ für euch da. Immer und ewig. Und zwar in der Wirklichkeit, die ihr zu leben, zu leiden und zu ertragen habt. Ich weiß, was das bedeutet, und ich weiß, was ihr da gerade durchmacht. Sein Blick vom Kreuz bewegte etwas sehr Tiefes in mir. Ich mochte es kaum in Worte zu fassen, aber es war eben etwas sehr Schönes und sehr Warmes. Eine ganze Zeit verweilte ich dort vor dem Kreuz; kniete ich in der fast leeren Kirche und kam mir vor, als wäre ich mitten im Karfreitagsgeschehen, ohne Worte der Lektoren, ohne Worte des Priesters, einfach „nur“ mit Seinem Wort.

 

Nach einiger Zeit, entschloss ich mich, wieder zurückzuradeln. Es war immer noch ein herrlicher, sonniger Nachmittag. Diesmal fuhr ich über die Krayer und Wattenscheider Straße zurück. Ich sah einen wunderschön blühenden Magnolienbaum. Toll, dachte ich. Das Leben blüht. Die Natur erblüht in ihrer schönsten Pracht und Macht! Ich spürte, dass es da eine Kraft gegeben musste, die alle Dunkelheiten dieser Welt durchbrechen vermochte, und die es ganz, ganz hell in unseren Herzen werden lässt. Die Kraft und Macht des göttlichen Lebens. Mir kam der Gedanke, dass Jesus nur aus diesem Grund all das, was wir Jahr für Jahr an Karfreitag gedenken, erleiden und durchleben konnte. Er glaubte fest an den Sieg der Liebe über den Tod.

 

Es war ein wunderschöner, heller, sonniger Tag für mich in meinem Herzen geworden.
 

Sabine Kotzer