Eine Ostergeschichte

oder

Ein unvergesslicher Geburtstag



Ich habe Krebs. Von heute auf morgen verändert diese Diagnose mein Leben und das meiner Angehörigen. Völlig unbegreiflich: ICCH doch nicht! War ich bisher nicht immer gesund und fit? So etwas haben doch immer nur „die anderen“ Aber nein! Ich jetzt auch!
Krebs- ich sage immer nur „K“, weil das Wort so große Angst macht. Das Kopfkino läuft Amok. Panik, Hilflosigkeit, der Gedanke an den Tod…Mein Vater ist mit 67 an Krebs gestorben. Viel zu früh. Auch er – nie ernsthaft krank gewesen, sportlich, eher jung aussehend. Und doch! Es ist passiert. Ich bin 64 – bin ich jetzt „dran“? Sind doch die Gene verantwortlich dafür? Letztlich sind Fragen nach dem „warum“ sinnlos. Es gibt eh keine Antwort darauf. Also hilft nur eins: es möglichst schnell zu akzeptieren und sein Leben dementsprechend neu auszurichten.

Ich tue also alles, was die Ärzte sagen und vertraue vor allem unserem hervorragenden Gesundheitssystem. (Was haben wir vor „Corona“ darüber gemeckert. Jetzt sehe ich das völlig anders.) Danke dafür! Ich muss also Chemotherapien machen. Auch bei diesem Wort malt sich das Kopfkino die allerschlimmsten Szenarien aus. Man hat ja „soviel“ darüber gehört…

An meinem Geburtstag gehe ich auch zur Chemo. Feiern ist in Corona-Zeiten ja eh nicht möglich. Früh morgens um kurz nach 7 Uhr verlasse ich also mit meinem Mann das Haus, um pünktlich bei der Therapie im Krankenhaus zu sein. Wie groß ist meine Überraschung, als ich vor der Tür eine Flasche Sekt und einen kleinen Geburtstagskuchen mit Kerzen sehe. Eine sehr liebe Bekannte aus unserer Gemeinde in Horst hat mir das dorthin gestellt.

 

Sekt – ja , der gehört auf jeden Fall zu einem Fest. DER Inbegriff des Feierns, der Freude, des Ausgelassenseins. Offensichtlich ist dies eine Aufforderung, meinen Geburtstag zu feiern, letztlich ja mein Leben.  Wieder ein Jahr älter geworden – wie schön!
Da muss man doch TROTZDEM (trotz Chemo, trotz „K“, trotz Kopfkino,  trotz Corona,  trotz…trotz…trotz…) innehalten und „danke“ sagen. Nein falsch ich „muss“ nicht, ich „darf“. „Danke“ also der Nachbarin, „danke“ letztlich dem Leben.

 

Und ich verstehe: Leben kann TROTZDEM schön sein. Und ich begreife noch mehr: genau das ist  AUFERSTEHUNG.

 

Jutta Thull

April 2020