Weitere Gute Gedanken



Der Traum

 

Lasst uns staunend aufs Leben blicken: Wir Leben!
Voller Leben ist alle Welt.
Den Händen des Vaters entströmt es
unaufhörlich, unbegrenzt.
Im härtesten Stein träumt Gott seinen Traum –
und selbst der Stein wird lebendig.
In den Tiefen der Erde träumt Gott seinen Traum –
und sie grünt und bringt Früchte hervor.
Im Herzen der Menschen träumt Gott seinen Traum –
und sie umgeben sich mit Liebe und Zärtlichkeit.
Herr, der Traum, der uns heute antreibt,
ist deine Zukunft – sie ruft uns! –
dein Leben in immer neuer, unausdenkbarer Gestalt.
Lenke unser Herz zu Neuem hin,
immer mehr und immer wieder,
du Grenzenloser,
lade es in deine Bleibe, du, der du keine Bleibe hast.
Öffne unsere Augen für jeden Morgen.
Immer jenseits,
immer jenseits ist dein Zelt:
Dein unendlicher Weg sei auch der unsere, Herr!

Giovanni Vannucci

 

Gott segne Dich!

Gott segne Dich,
wenn Du des Morgens aufstehst,
noch bevor es Dir gelingt,
Dich über den Tag zu ärgern
oder Dich vor ihm zu fürchten.

Gott segne Dich
mitten im Trubel des Alltags,
wenn Du gar nicht dazu kommst,
an Ihn zu denken.

Gott segne Dich,
wenn Dir etwas Schweres widerfährt,
noch bevor es sich in deinem Herzen
festsetzen kann.

Gott segne Dich am Abend,
indem er die Schatten des Tages
von Dir nimmt, noch bevor sie sich
in Deine Träume schleichen.

Gott segne Dich in allem,
was du tust und lässt!

 

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.
Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden.

Hilde Domin

 

Gott flüstert in unseren Freuden,
er spricht in unsrem gewissen;
in unseren Schmerzen aber ruft
er laut. Sie sind sein Megaphon
eine taube Welt aufzuwecken.

C.S. Lewis

 

Glaube nicht, du kannst
Den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe lenkt deinen Lauf.
Die Liebe hat keinen anderen Wunsch,
als sich zu erfüllen.
So, wie die Liebe dich krönt,
so kreuzigt sie dich.

Khalil Gibran

 

Kostbarkeit des Augenblicks

Meine Großeltern hatten eine wunderschöne alte Standuhr. Als Kind sah ich oft fasziniert zu, wie das lange Pendel von links nach rechts und wieder zurück schlug. Dabei hatte ich das Gefühl, diese Uhr ginge langsamer als die meiner Eltern, die oft etwas von „zu spät“ riefen. Überhaupt schienen meine Großeltern mehr Zeit zu haben: zum Mittagsschlaf, Teetrinken, Pfannkuchen backen, Zeitung lesen, Reisen, für uns Enkel und irgendwelche Vereine. Heute weiß ich, dass ihre Minuten und Stunden meinen exakt entsprachen. Die physikalische Zeitmessung lässt da keine Abweichungen zu. Und doch habe ich gelegentlich noch immer den Eindruck, dass Uhren unterschiedlich ticken. Zum Beispiel jetzt im Frühling, wenn Sonnenstrahlen und Knospen manchmal einen ganz anderen Takt in meinen Alltag bringen, mich, wenn ich sie denn wahrnehme, innehalten, staunen, genießen lassen. Dann liegt die Zeit, die ich sonst möglichst effektiv verplane, plötzlich da wie ein Geschenk. Dann leuchten mir die alten Worte aus Psalm 31 ein: „Meine Zeit steht in deinen Händen, Gott!“. Die Zeit gibt unseren Rahmen und ist doch mehr als die Summe von Tagen. Leben ist größer. Es gibt Augenblicke, in denen das, was sich sonst unfertig anfühlt, ganz und erfüllt erscheint. Momente wie Inseln im Hier und Jetzt für Sehnsüchte, Begegnungen, Veränderungen, Verzeihen, Überraschungen, Freude, Gespräche, Berührung. Zeiten, die Gott ins Spiel bringen. Diese Gelegenheiten kann ich weder erzwingen noch verschieben. Ich muss sie wahrnehmen und ergreifen, wenn sie dran sind. Ich will mir im Frühling vornehmen, die Kostbarkeit der geschenkten Augenblicke abzutrotzen, damit sich die Geschenke des Lebens eröffnen können. Vielleicht sollte ich damit beginnen, öfter Pfannkuchen zu backen wie damals mit meiner Großmutter. Sie schmeckten nicht nur besonders gut. Die gemeinsame Zeit in der Küche war und ist eine Spur von Ewigkeit, ein Geschenk von Nähe, das mich bis heute mit ihr verbindet, weit über ihre Lebenszeit hinaus.

Oliver Spies