Predigt von Pfarrer Dr. Andreas Geßmann am Ostersonntag (12.04.2020) in der Kirche St. Joseph der Pfarrei St. Laurentius


Ostern – Das Leben bricht sich Bahn

Liebe Schwestern und Brüder,

vor vier Wochen, also Mitte März, hieß es in einem Online-Dienst einer hier in der Region bekannten Zeitung: „Ostern fällt in diesem Jahr aus! Die Kirchen sagen alle Gottesdienst ab und schließen ihre Gebäude, wollen aber trotzdem für die Menschen weiter da sein. Keine Gottesdienste, keine Osternacht, keine Erstkommunion und keine Konfirmationen. Die Kirchen beider Konfessionen stellen den Maßgaben der Landesregierung folgend sämtliche Aktivitäten ein.“
Und noch letzte Woche titelte eine überregionale Zeitung: „Ostern, wie es immer war, fällt aus! Keine Gottesdienste, keine Familienfeiern, keine Osterfeuer.“

Heute am Ostersonntagmorgen können wir aus der Kirche St. Joseph in unserer Pfarrei St. Laurentius berichten, dass diese medialen Ankündigungen nur zum Teil stimmen.

Ja, es ist richtig, dass hier keine öffentlichen Gottesdienste stattfinden. Und selbstverständlich halten wir uns auch an die behördlichen Vorgaben. Denn wir sind davon überzeugt, dass diese Maßnahmen geboten sind, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Und wir als Kirche wollen solidarisch einen Beitrag dazu leisten, das Leben von Menschen zu schützen.
 
Aber nein, es ist ein Irrtum zu meinen, dass deshalb das Osterfest ausfällt. Vielmehr findet es nur in anderer Form statt. Beispielsweise, indem dieser Gottesdienst im Internet gestreamt wird und auch zu Hause Gottesdienste im Kleinen gefeiert werden. Natürlich bedauern wir die physikalische Trennung und möchten diese keineswegs schönreden. Aber wir fühlen uns im Gebet durch den Heiligen Geist miteinander verbunden.

Und so wird hierdurch deutlich, der eigentliche Inhalt von Ostern lässt sich gar nicht verhindern. Nein, das Leben bricht sich trotz des Corona-Virus und aller damit verbundenen Einschränkungen auf sehr kreative Weise Bahn! Dieses Livestream-Angebot, dass das Technikteam um Lucas Kosmala und Rainer Führer ermöglicht haben, zeugt davon oder auch die Aktion „Dein Bild – unsere Pfarrei“, wo ganz viele ihre Bilder dem Kaplan Markus Nowag und Sophie Kölsch geschickt haben, um doch eine Form von Gemeinschaft zu schaffen; die Aktion „Passionsgeschichte für Kinder“; die virtuelle Projektwoche der Jugend St. Antonius, die ab Dienstag für Kinder ab 6 Jahren angeboten wird; der Gabenzaun in St. Barbara; das Gebetsportal; die „Gute Gedanken“; die Aktion „Herz am Telefon“ um nur einiges zu nennen.
Dafür bin ich als Pfarrer dankbar und ich mich freue mich über so viele Menschen, die dies mit ermöglichen. Ja, hier bricht sich wirklich das Leben - österliches Leben – Bahn. Hier ist etwas zu spüren von Vitalität, die sich nicht durch das Corona-Virus ausbremsen  und lahmlegen lässt.

Darüber hinaus entdecke ich ganz viele existenzielle Bezüge zwischen der bahnbrechenden Osterbotschaft und dem, was wir gerade in der Zeit der Corona-Pandemie erleben.
Denn Ostern kann man nicht losgelöst von den Ereignissen sehen, die wir in den letzten Tagen zwischen Palmsonntag, Gründonnerstag und Karfreitag bedacht haben.
Konkret denke ich hierbei an die Leiderfahrungen Jesu, das existenzielle Dunkel, das er durchlebt hat, indem er beispielsweise zu Unrecht zum Tod am Kreuz verurteilt worden ist, obwohl er doch nur die bedingungslose Liebe Gottes verkündet und vorgelebt hat und uns bei der Fußwaschung seiner Jünger ein Beispiel der Liebe und Hingabe für andere gegeben hat.
Oder auch die Erfahrung Jesu von seinen Jüngern allein gelassen und von einem sogar verraten zu werden und die damit verbundene Enttäuschung.
Und auch die Erfahrung Jesu von Schmerzen und Tod am Kreuz verbunden mit dem Gefühl der Verlassenheit.
Wie viele Menschen können sich hier mit ihren eigenen Gründonnerstags- und Karfreitags-Erfahrungen identifizieren. Ich denke hier beispielsweise an diejenigen, die wegen einer schweren Corona-Infektion isoliert im Krankenhaus oder in Pflegeheimen liegen, wo sich wegen des Kontaktverbots zu ihren Angehörigen herzzerreißende Szenen abspielen. Ich denke aber auch an die Ärztinnen und Ärzte, die Krankenschwestern und Altenpfleger, die sich selbstlos um sie kümmern und mit Hingabe sie pflegen. In diesem Zusammenhang seien auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Supermärkten genannt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle mit Lebensmitteln versorgt werden können.
Ich denke hier aber auch die vielen Menschen mit ihren enttäuschten Erwartungen und zerplatzten Träumen in diesen Tagen oder mit ihren beruflichen und wirtschaftlichen Sorgen und nicht zuletzt auch an die Personen, die verzweifelt um einen lieben Menschen trauern.

In solchen Lebenssituationen sehnen wir uns nach Hoffnung und Lichtblicken.
Das Aufleben neuer Lebenshoffnung kann eine überraschende Begegnung bewirken, mit einem Wort, das uns berührt oder einem Blick, der uns trifft und uns ins Herz sieht durch eine Person, die sich unerwartet uns zuwendet.

Im heutigen Osterevangelium begegnet die betrübte, verzweifelte und weinende Maria von Magdala dem auferstandenen Herrn, ohne ihn zunächst zu erkennen und in der Meinung, es sei der Gärtner.
Als er jedoch ihren Namen „Maria“ ausspricht, spürt sie blitzschnell, dass es der lebendige Herr ist. Die Anrede und der Klang der Stimme sind ihr vertraut.
Der Auferstandene ist kein anderer als der irdische Jesus, der sich ihr hier allerdings in neuer Weise offenbart.
Sie wendet sich ihm zu – eine äußere Geste, die zugleich ihre innere Herzensöffnung und damit ihre gläubige Offenheit für den auferstandenen Herrn ausdrückt und sagt zu ihm auf hebräisch: „Rabbuni“, dass heißt „Meister“.
An dieser Stelle ist es interessant und auffällig, dass der sonst so kontaktfreudige Jesus eine körperliche Berührung mit ihr mit den Worten verweigert: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“ Im Griechischen heißt es sogar wortwörtlich: „Berühre mich nicht.“
Gerade in der heutigen Zeit des Kontaktverbotes halte ich diese Stelle insoweit für äußerst bedenkenswert, dass trotz des verweigerten körperlichen Kontaktes eine besondere Nähe entsteht. Vielleicht kann dieser Gedanke auch uns derzeit helfen, dass bei aller gewahrten physikalischen Distanz wir uns doch in anderer Art und Weise nahe sein können, wie  beispielsweise durch die sozialen Medien oder das alt bewährte Telefon!

Durch die diese österliche Erfahrung macht sich Maria von Magdala auf den Weg, ja sie lässt sich durch die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus in Bewegung setzen und berichtet beglückt und erfüllt den erstaunten Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“.
So wird die Begegnung mit Jesus für Maria von Magdala und auch für die anderen Jünger zu einer Durchbruchserfahrung, vom Dunkel ins Licht.

Und genau das ist die Botschaft von Ostern, die uns auch momentan in der Zeit der Corona-Pandemie Hoffnung verleihen kann:
Dass angsteinflößende Viren, wie Covid 19 und der Tod nicht das letzte Wort behalten, sondern dass das Leben siegen wird. Denn indem Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, hat er den Tod besiegt.
Das gilt übrigens nicht nur für das Corona-Virus, sondern im übertragenen Sinne für alle bösartigen Viren der Angst, des Populismus und des Hasses. Deren Halbwertzeit ist  - Gott sei Dank - zeitlich begrenzt und irgendwann wird das Leben siegen. Und ja, es gibt auch eine Zeit und ein Leben nach Corona!

Die Botschaft an Ostern blendet dabei nicht die Erfahrungen von Leid, Not und Tod aus. Nein, sie beinhaltet vielmehr den Glauben an einen mitfühlenden Gott, der das Leid dieser Welt selbst erfahren hat und im Tod seines Sohnes mit ausgehalten und durchlitten hat.

Wir dürfen gewiss sein, dass wir von Gott nicht alleine gelassen werden, sondern dass er solidarisch an unserer Seite steht, gerade auch in diesen dunklen Zeiten der Corona-Pandemie.
Ja, Gott ist in besonderer Weise auch dort gegenwärtig, wo die Not und das Leid am größten sind.
Seinem Beispiel folgend sollen auch wir uns solidarisch erweisen und für unsere Mitmenschen da sein, die in Not sind und ihnen beistehen. Ja, Gott will durch seinen Geist das Gefühl der Mitverantwortung und der Solidarität wecken. Deshalb halte ich die Aktionen „Herz am Telefon“ und „Gabenzaun“ für so wichtig.
Auch wenn man den Eindruck gewinnt, dass wir derzeit noch in einen Tunnel blicken, so lässt uns die Osterbotschaft hoffen, dass es wieder ein Licht gibt, ja, dass das Licht jetzt schon leuchtet, weil Jesus auferstanden ist und lebt.
Pflegen wir immer wieder neu die Beziehung zu Gott, dem Licht unseres Lebens und zu seinem Sohn, dem auferstandenen Herrn Jesus Christus, damit seine Anrede bzw. Stimme uns in allen Lebenssituationen vertraut ist. Im Gebet und im Heiligen Geist dürfen wir uns ihm mit all unseren Ängsten und Sorgen anvertrauen. Denn er ist das Leben. Und er will immer wieder das Leben in uns wecken. Dann fällt Ostern nicht aus und das Leben bricht sich auf kreative Weise Bahn, wie es hier die verschiedenen Aktionen zeigen. Amen.