Neuland



„Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten. Alle wurden von Furcht ergriffen; und durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam.  Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Lauterkeit des Herzens. Sie lobten Gott und fanden Gunst beim ganzen Volk. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten. „

 

So können wir in der Apostelgeschichte Kapitel 2, Verse 42-47 lesen. Eine seltsame Dynamik, die sich da zeigt. Was passiert da eigentlich? Die sich breitmachende Dynamik lässt sich auf das zurückzuführen, was da einige Männer und Frauen die Tage vorher erlebt hatten. Ein Mann, ein jüdischer Mann, wurde zum Tode verurteilt. Die Art und Weise, wie das geschah, war entsetzlich und zutiefst grausam. Dieser Mann starb am Kreuz. Dabei sollte es dennoch nicht bleiben. Seine engsten Verwandten und Freunde berichteten von einem seltsamen Phänomen: das Grab, in das er gelegt worden war, war leer. Außergewöhnlich! Noch außergewöhnlicher war es jedoch, dass diese Menschen kurz darauf anfingen, beherzt und zutiefst beseelt zu verkünden, dass dieser tote Mann lebte. Sie behaupteten dies mit solch einer Inbrunst, dass viele Menschen auf einmal etwas Merkwürdiges taten: sie versammelten sich neu. Menschen, die wahrscheinlich kaum etwas miteinander zu tun hatten, die sich kaum kannten. Und nun? Sie versammelten sich und feierten ihren neugewonnenen Glauben. Einen Glauben, der von dem Wunder der „Auferstehung des Jesus von Nazareth“ sprach, und der sie mit ihm in engen Kontakt treten und leben ließ. Die Menschen spürten, dass da etwas ganz Neues angebrochen war. Etwas Weltveränderndes.

 

Hören wir heute davon, so scheint es komisch, vielleicht sogar „surreal“. So wie die gegenwärtig erlebte Situation. Wie oft habe ich diese Tage gehört, dass Menschen sich wie in einem Traum vorkommen. Einmal mit dem Finger geschnippt, und alles ist beim Alten. Doch diese Rückführung wird es so nicht geben. Diese Erfahrung mögen wir heute mit den Jüngern der damaligen Zeit teilen, denn genauso so, wie diese damals, erleben wir heute einen äußerst dynamischen und lebensveränderten Prozess. Einen Prozess, auf den wir uns notgedrungen einlassen müssen. Für viele äußerst schwierig, weil die alten Sicherheiten ersehnt werden. Doch viele dieser alten Sicherheiten wird es so nicht mehr geben. Es ist in der Tat angsteinflößend. Bedenkens- und erstaunenswert finde ich, wie sich  das innere menschliche Erleben – trotz veränderter historischer Bedingungen – immer wieder wiederholt.

 

Schauen wir auf Joh 20, 19-37: aus Angst vor den Juden, die ihnen nach dem Leben trachten, da sie ja Anhänger dieses Revolutionärs waren, bleiben die Jünger hinter verschlossen Türen verborgen. Sie trauen sich nicht hinaus. Sie müssen ihr Leben schützen. Es dürfte ihnen aber auch nach den traumatischen Erlebnissen der vergangenen Tage nicht sonderlich gut gegangen sein. Was passiert? Jesus erscheint. Er dringt durch die verschlossenen Türen in den Innenraum. Er dringt durch die innerliche Enge von Angst, tiefer Trauer, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in den Innenraum ihres Herzens. Das aufgewühlte und so erschütterte Herz hört die erlösenden Worte seines Schöpfers: „Der Friede sei mit euch!“ Habt keine Furcht. Ich bin da. Ich bin bei euch. Das Herz kann aber erst vollends in Frieden sein, wenn auch alles, wahrlich alles bereinigt worden ist: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.“ Schauen wir auf Petrus. Was mag da in diesem Moment in seinem Herzen abgegangen sein? Zermürbende Selbstvorwürfe, vielleicht sogar Hass, weil er den verraten hat, dem er eigentlich ewige Treue geschworen hat und dem er bis in den Tod folgen wollte. Und dann das Desaster, die Katastrophe im Innenhof des Hohepriesters. Man kann sich kaum vorstellen, was er durchlebt haben muss. Und dann kommt Jesus in diesem Moment: Der Friede sei mit dir. Vergib dir Petrus. Sieh her, ich lebe. Ich bin lebendig. Ich zeige dir, dass nichts in der Welt mich von dir trennen kann. Wenn, dann bist es du selber! Vergebt einander, sowie ich euch auch vergeben habe. Ich schenke euch meinen Frieden und sende euch erfüllt und beseelt mit meinem Geist in die Welt.

 

Ich denke, sich selber oder anderen Menschen vergeben zu können ist einer der befreiendsten und gnadenreichsten Momente, die ein Mensch erleben darf. Es ist das größte Geschenk, das der Mensch von Gott empfangen kann, da es immer ein Akt des Allerhöchsten bleiben wird. Jesus hat es uns vorgelebt. Er ist nicht in die Welt gekommen, um zu richten, sondern vielmehr um uns Menschen zu befreien, um uns neue Lebenschancen zu ermöglichen.

 

„Empfangt den Heiligen Geist!“ Seid offen für dieses Geschenk, wo immer und wann immer es euch zuteilwird. Aus dieser tiefen und von allen negativen und lebenszerstörenden Kräften befreienden Erfahrung erwächst das Potenzial, kraftvoll und dynamisch, siegreich und erfolgreich SEIN REICH in dieser Welt zum Wachsen und zum Sprießen zu bringen.

 

Auferstandener Herr, gütiger Heiland,

 

du zeigst uns, wie sehr du uns und diese Welt liebst. Du bist gekommen, damit wir erkennen, welch ein Lebenspotential in uns und all den Momenten steckt, indem unser Herz sich von deiner befreienden und erlösenden Liebe berühren lässt. Was immer auch in unserem Leben passiert. Was immer auch uns zustößt, schenke uns den tiefen Glauben daran, dass NICHTS uns von deiner Liebe trennen kann. Schenke uns Demut und innere Einkehr, um vielleicht auch schmerzvoll zu erkennen, wo wir Menschen wehgetan haben, wo wir ein schlechtes Vorbild waren, wo wir uns auf Kosten anderer „groß“ gemacht haben. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.

 

Sabine Kotzer