Ein Brief an Maria



Liebe Maria,

 

ich sitze hier an meinem Schreibtisch und mache mir im Moment große Sorgen. Seit ein paar Wochen sind hier in Deutschland und auf der ganzen Welt viele Menschen verunsichert. Eine ungeahnte Angst macht sich breit. Wir erleben in diesen Tagen etwas, was wir so noch nicht erlebt haben, die Ausbreitung und Ausweitung eines Virus, der im Moment nur schwer zu stoppen ist. Es ist komisch. Es scheint, dass große Veränderungen vor der Tür stehen. Es scheint, dass sich hier ganz schleichend etwas ausbreitet, was uns alle gleichermaßen angeht. Höchste Aufmerksamkeit und Besonnenheit ist gefragt. Der Mensch wird vor völlig neuen Herausforderungen gestellt. Ich weiß nicht so recht, was das alles soll. Etwas so völlig Neues und zugleich Fremdes bricht da in unsere, in meine Welt ein. Und dann die Frage: Was wird sein, wenn das alles vorüber ist? Wie geht es weiter? Was ist mit meiner Familie, mit meinen engsten Freunden und Bekannten? Eigentlich müsstest du das kennen, Maria, wenn ich da so deine Geschichte anschaue. Wie aus dem Nichts kommt da plötzlich in dein Leben ein Engel auf dich zu, was immer wir uns darunter auch vorstellen können. Etwas, was so völlig neu für dich damals gewesen sein muss. Ein himmlischer Bote, eine übernatürliche Erscheinung oder vielmehr eine tiefe innere Ahnung von etwas, was dein Leben schlichtweg revolutionieren und auf den Kopf stellen wird. Sie sagen, dass du damals erst 15 Jahre alt warst, also ein sehr junges Mädchen. Sie sagen, dass du mit einem Mann namens Josef verlobt warst. Dein Leben als junge jüdische Frau war eigentlich schon total in die Spur gebracht, in die Spur der jüdischen Tradition. Wahrscheinlich wäre dein Leben auch ganz normal verlaufen, wäre da nicht dieser Engel, dieser Bote Gottes gewesen, der an deine Herzenstür geklopft hat. Es muss für dich schon total erschreckend und befremdlich gewesen sein, denn nicht umsonst können wir im Lukasevangelium 1. Kapitel, Vers  lesen: „Fürchte dich nicht! Du hast bei Gott Gnade gefunden.“ Hast du das eigentlich verstanden? Vom Kopf her wahrscheinlich nicht, aber tief in deinem Innern – so kann ich mir vorstellen - muss es dich sehr beruhigt haben, beruhigt und offen, für all die Worte die dann folgten. Worte, die so unglaublich und revolutionär sich anhörten. Du solltest Mutter werden, Mutter von einem Kind, das aus der Begegnung und Berührung mit dem göttlichen Geist entstehen sollte. Etwas, was es so noch nie gegeben hat. Etwas völlig Neues und für unseren menschlichen Verstand einfach unvorstellbares. Eine unglaubliche Verheißung, eine wahnsinnige Perspektive und Hoffnung für die ganze Menschheit brach in diesem Moment auf.

Warum du auch immer ‚Ja‘ zu diesem göttlichen Plan gesagt hast, wir können es wohl kaum nachvollziehen. Was ich aber aus all den Worten, die da in der Bibel über diesen Moment stehen, herauslese, ist ein wahnsinniges Vertrauen in denjenigen, der dein Leben ins Sein, in die Existenz gerufen hat. Du hast ihm zutiefst vertraut, dass das, was da zukünftig auf dich zukam, dich nicht überfordern wird. Dass das, was sich zukünftig in deinem Leben und im Leben deiner Familie ereignet wird, Gottes gute Begleitung erfährt.

 

Liebe Maria, dafür bewundere ich dich sehr und  möchte dich bitten:
Zeige mir, wie ich in diesem unbedingten Gottvertrauen – gerade jetzt in diesen unsicheren und krisenhaften Zeiten – wachsen kann. In deinem ganzen Leben standst du vor großen Herausforderungen in der Erziehung und Begleitung deines Sohnes. Mit ihm und durch ihn bist du in deinem Gottvertrauen gewachsen. Dafür danke ich dir. Öffne mein Herz für diese neuartige und zutiefst sicherheitsstiftende Erfahrung. Amen.

 

Sabine Kotzer