Der ungläubige Thomas?



Mich hat der sogenannte ungläubige Thomas von eh und je her fasziniert. Und im Laufe der Zeit stellte sich für mich immer wieder die Frage, ob er wirklich so ungläubig war. Und so frage ich mich: Was ist Glaube, was zeichnet Glaube aus? Ist Glaube ein stillschweigendes Hinnehmen von Dingen, die sich meiner subjektiven und objektiven Überprüfung entziehen? In meiner Kindheit und Jugend hörte ich öfters den Satz: Das lehrt die Kirche, dass hast du zu glauben. Hast du zu glauben. Dahinter steht so ein müssen, so ein Muss. Aber, so stellte sich immer schon in mir die Frage, ob Glaube verordnet werden kann. Ich sage nein. Glaube kann nicht verordnet werden, Glaube ist eine Eigenschaft des Menschen, oder im Menschen, die auch im nichtreligiösen Dasein des Menschen von Bedeutung und von realer Wirklichkeit ist. Ich glaube zumindest, dass ich in der nächsten Stunde noch lebe. Ich glaube zumindest, dass ich heute und morgen dieses und jenes tun werde. Glaube ist im Menschen der Antrieb, sich nach vorne zu bewegen, Dinge zu planen und wenn realistisch und vernünftig, in die Tat umzusetzen. Der Mensch ist ein weltoffenes, ein nach vorne strebendes Wesen, so würde es Platon sagen. Ein Mensch, der nicht nach vorne schaut, zieht sich in sich selber zurück, hat mit dem Leben abgeschlossen. Dieses nach vorne schauen, will geplant sein, will vernünftig sein, soll hier ein positiver Sinn gefunden werden. Thomas scheint mit eine solche Persönlichkeit zu sein, der nicht einfach Gesagtes übernehmen möchte, der sich nicht ihm noch nicht erfahrene Dinge einfach verordnen lässt. Thomas ist kritisch. Kritisch hat mit Überprüfung zu tun. Er möchte wissen, auf was er sich einlässt. Thomas ist suchend, suchend nach vorne schauend. Er möchte einen lebendigen Glauben haben, der in sich vernünftig und rechenschaftsfähig ist. So ist es Thomas, der auf Jesu Worte: „Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr.“ einwendet: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie sollen wir dann den Weg kennen.“ (Vgl. Joh 14.4 ff.) Thomas ist fragend, suchend. Und auch später, nach der Auferstehung Jesu, begegnet uns derselbe Thomas, als er das Zeugnis der anderen Jünger anzweifelt, die ihm bezeugen, den auferstandenen Herr gesehen zu haben.  Dieses Zweifeln des Thomas ist keine Verzweiflung, dieses Zweifeln ist ein Suchen, es schaut nach vorne, es will sehen und erkennen. Der Auferstandene zeigt sich im. Er lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes von Thomas begreifen, als Jesus ihm seine Wundmahle zeigt, und Jesus ihm den Glauben ins Herz legt mit den Worten: „Und sei nicht ungläubig sondern gläubig. Was darauf folgt ist ein ganz entscheidendes ein kurzes Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ (Vgl. Joh 20.24 ff.) Hier wird für mich deutlich, dass Glaube nicht von Menschen verordnet werden kann. Glaube geht immer vom Herrn aus. Dem Glaube geht das Suchen und fragen voraus. Jesus zeigt sich dem Suchenden und Fragenden. Er schenkt denen, die ihn suchen, Glaubensgewissheit und Festigkeit.

 

Pastor Ludwig Opahle