Zeitzeugen Mai 1945

H. S., 90 Jahre (weiblich)

Ich bin im Sudetenland/Tschechien aufgewachsen, meine Eltern hatten einen kleinen landwirtschaftlichen Hof zur Selbstversorgung, mein Vater war Bergmann und wurde deshalb nicht zur Wehrmacht eingezogen. Ich hatte 6 Geschwister. Mit 14 Jahren verließ ich die Volksschule und musste sogleich das Pflichtjahr absolvieren.
In dieser ländlichen Gegend im Sudetenland war der Krieg für uns weit weg, wir haben kaum irgendwelche Erlebnisse gehabt und aufgrund der fehlenden Kommunikationsmittel wenig mitbekommen.
In den letzten Kriegstagen wurde sogar noch eine Flak in unserem Garten aufgebaut. Die Angst vor den Russen war enorm. Alle Frauen und Mädchen wollten sich vor den Besatzern verstecken, gleichzeitig war keiner sicher vor ihren Plünderungen und Gewalt. Ein auf einem Nachbarhof arbeitender ukrainischer Zwangsarbeiter hat dann meine Schwestern und mich 14 Tage versteckt.
Nach ca. einem Monat war es damit vorbei, da den Soldaten schwere Strafen wegen solcher Vergehen drohten. Danach gab es praktisch keine Übergriffe mehr, die Russen haben uns versorgt und haben uns im Großen und Ganzen fair behandelt.
Ein Viertel Jahr später wurden alle Deutschen von den Tschechen verhaftet, aus unserem Ort weggeschafft. Unsere Familie wurde getrennt und jeder einzeln auf einen anderen Hof zum Arbeiten verteilt. So waren wir ca. 1/2 Jahr getrennt. Keiner wusste, wo die anderen waren.
Danach kamen wir in ein Lager. Und schließlich wurden wir alle zum Bahnhof Olmütz verfrachtet, wo Viehwagen warteten, auf denen wir nach Deutschland verbracht wurden. Unser Ziel war der Odenwald. Das war in der amerikanischen Zone. Sie wiesen unserer Familie ein kleines Zimmer zu, in dem wir 9 Personen kaum Platz hatten, wir schliefen eng beieinander auf dem Boden.
Dort blieben wir noch ca. 2 Jahre und haben schwer geschuftet auf den uns zugewiesenen Bauernhöfen.

W. K., 90 Jahre

Ich bin jetzt 90 Jahre alt, wohne in Essen, wo ich auch aufgewachsen bin. Ab März 1943 begann für meine Schule die Kinderlandverschickung aufgrund der immer heftiger werdenden Luftangriffe auf Essen.
Ich wurde nach Südböhmen verfrachtet, wo wir bis Ostern 1945 blieben. Dann kam der Befehl, nach Deutschland zurück zu kehren.
Mit dem Zug, mit Lastwagen, meist aber zu Fuß erreichten wir Deutschland (Bayerisch Eisenstein war die Grenzstadt), unser Gepäck bestand aus aus Decken selbst hergestellten Rucksack ähnlichen Gebilden, Handtücher dienten als Tragriemen. Auf dem Weg waren wir immer wieder Tiefflieger-Angriffen ausgesetzt.
In der Nähe von Zwiesel, in einem einsam gelegenen Gasthaus, erreichte uns am 30.4. die Nachricht, dass Adolf Hitler den „Heldentod“ erlitten habe.
Die Verpflegung war natürlich mehr als spärlich, manchmal erhielten wir einen Teller (Wasser-)Suppe, was für uns 14 jährige Heranwachsende entschieden ungenügend war, so dass wir auch schon mal von einem amerikanischen Lastwagen Konservendosen mitgehen ließen, bzw. in den Orten von Haus zu Haus zogen und bettelten.
Die meisten meiner Schulkameraden und auch die Lehrer wollten nach Essen zurück, während fünf Kinder, die Verwandte in Bayern hatten, nach dorthin wollten. Dazu gehörte auch ich, da ich wusste, dass meine Mutter und meine Schwester zu dieser Zeit in Füssen/Allgäu lebten und wir verabredet hatten, uns dort wieder zu sehen. Wir fünf beantragten entsprechende Passierscheine, die wir am 12.5. auch erhielten. Ohne diese Passierscheine konnten wir nicht losgehen; in allen Ortschaften gab es Sperren amerikanischer Truppen.
Im Mai herrschte große Hitze, so dass wir nur bis 11.00 Uhr und dann erst wieder ab 17.00 Uhr unseren Weg fortsetzen konnten. Übernachtet haben wir bei Bauern in Scheunen auf Stroh, in Gasthäusern, wo wir in den Sälen auf dem Boden schlafen konnten. Vor Landshut gerieten wir in eine Kontrolle der Amerikaner, die uns am Weitergehen hinderten und uns auf einen Bauernhof schickten. Dort bekam ich in der Nacht Fieber und Schüttelfrost, wohl ein Sonnenstich. Die Bäuerin kümmerte sich rührend um mich; ich erhielt die Kammer einer Magd und ausreichend zu essen, sodass ich nach drei Tagen mit zwei noch verbliebenen Schulkameraden weiterkonnte.
Am Abend des 18.5.erreichten wir Moosburg; dort trafen wir die zwei anderen Mitschüler wieder, die uns eine Schlafmöglichkeit in einer Turnhalle besorgt hatten, in der Männer mit gestreifter Kleidung untergekommen waren. Uns war sehr mulmig dabei; es waren wohl ehemalige KZ-Insassen aus Dachau.
Am 21.5., dem Pfingstmontag, hatten wir Gelegenheit, von einem Fahrzeug einer Molkerei-Genossenschaft mitgenommen zu werden. Dieses hat uns bis hinter München gebracht.
Von dort aus bin ich dann allein weiter nach Füssen gegangen. Die anderen Schulkameraden hatten andere Ziele. Ich hatte aber leider keinen Passierschein mehr. Auf dem Amt des Ortes konnte man mir keinen Schein ausstellen. Gott sei Dank fand ich Hilfe durch eine freundliche Frau im Ort, die mir meinen Rucksack unbemerkt an den amerikanischen Sperren vorbeischmuggelte und mir einen Umweg um die Sperren gezeigt hatte. Dahinter trafen wir uns wieder und ich konnte meinen Weg fortsetzen. So hatte ich bei den weiteren Sperren immer wieder Glück; man half mir oder ich konnte mich an den Amerikanern vorbeimogeln.
Über Wies und Schwangau erreichte ich schließlich Füssen und dort meine Mutter und Schwester. Ich werde nie das Bild vergessen, wie ich sie kochend und strickend in ihrem Dachzimmer antraf.
Noch heute bin ich dankbar, so viele Leute getroffen zu haben, die mir 14 jährigem auf diesem langen Marsch geholfen haben. Meine Schuhe, die Absätze waren bis auf das Oberleder abgelaufen, konnte ich wegwerfen.

I. H., 85 Jahre

In den Kriegsjahren lebten meine Mutter und ich – mein Vater war eingezogen – im Haus meiner  Großmutter in einer Kleinstadt in Niedersachsen. In den letzten Tagen vor Kriegsende, die wir im  Luftschutzkeller verbrachten, wurde noch eine Brücke gesprengt, was aber nutzlos war, denn einige Tage später wurde die Stadt den Engländern kampflos übergeben. Wir waren froh, als die Sirenen ‚Entwarnung‘ gaben und wir den Keller verlassen konnten. Als dann nach einiger Zeit mein Vater aus amerikanischer Gefangenschaft gesund zurück kam, waren wir wieder eine glückliche Familie.

H. H., 92 Jahre

Im Alter von 16 Jahren wurde ich im August 1944 als Luftwaffenhelfer eingezogen; mit Stationen in Gelsenkirchen, Ladbergen und von da nach Fürstenwalde / Spree und Straußberg bei Berlin. Am 2.5.45 geriet ich mit einigen Kameraden unserer Einheit in Russische Gefangenschaft. Es begann für mich eine nicht gekannte Zeit!

Alle Begegnungen mit den russischen Soldaten gingen immer gut für mich aus. Durch einen Kameraden, der gelernter Bäcker war, kam ich in der Lagerbäckerei unter. Um Essen und Trinken brauchte ich mir nun keine Sorgen zu machen. Das Gefangenenlager war in der Niederlausitz. Als das Lager Ende Dezember 1945 nach Russland verlegt wurde, wurden alle Gefangenen entlassen, die im Lager gearbeitet hatten. So konnte ich zusammen mit meinen Eltern ‚Frohe Weihnachten‘ feiern!

C. P., 80 Jahre

Wenige Monate vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde ich in Essen geboren. Wegen der schweren Erkrankung meines Vaters blieb ich in der Stadt, die wegen der Firma Krupp beliebtes Angriffsziel für Bombenangriffe war, abgesehen von einigen Hamsterkäufen im Münsterland. Die mitfühlenden Menschen dort, die Ruhe und die Landschaft zeigten mir, wie Leben auch aussehen kann.

In meiner Erinnerung war meine Kindheit geprägt eben von diesen Angriffen, vor allem in der Nacht. Nie konnten wir ruhig schlafen, immer vollständig angezogen, um flüchten zu können. In Angst und Schrecken rannten wir bei Voralarm in den Stollen an der Margarethenhöhe. Unter der Erde befiel mich Panik, ich könnte ersticken. Wenn wir bei den Großeltern waren, mussten wir in Eile den Bunker der Stadtwerke aufsuchen, nahe der Innenstadt.

Das Trauma, unter dem ich noch jetzt leide, entstand nicht mit dem Herztod  meines Großvaters nach einem Bombenangriff und auch nicht mit dem Tod meines Onkels, meiner Tante und Cousine in einem zerbombten Haus. Ich konnte nicht einordnen, was um mich herum geschah, ich hatte einfach nur Angst. Mit wem sollte ich auch fragen in dieser für die Erwachsenen so sorgenvollen Zeit, wie hätten sie es auch erklären sollen? Auch als später noch ein Onkel von mir im Krieg verstarb, wurde nicht darüber geredet – eine Zeit zum Trauern gab es einfach nicht.

Wirklich traumatisch ist der letzte, schwere Luftangriff auf Essen, im Bunker, zusammengepfercht mit unzähligen laut schreienden, weinenden Menschen. Mir schien es ganz dunkel zu sein, ich konnte niemanden erkennen. Vor Angst war ich in Schweiß gebadet. Wir hörten die Bomben, die die Häuser rundum trafen und weitgehend zerstörten. Auch ich hoffte, dass wir verschont blieben. Plötzlich hörte ich die laute, verzweifelte Stimme eines Mannes, der zur Ruhe mahnte.
“Seid doch mal still und nehmt Rücksicht auf die Kinder. Lasst uns lieber beten”. Und er begann mit fester Stimme “Vater unser im Himmel...”. Die Zeit verging, die Menschen wurden ruhiger, wir durften den Bunker verlassen, das Haus stand noch.
Die Nachbarhäuser waren vollständig zerstört.

Ein prägendes Erlebnis für mich, das auch nicht gelöscht wurde, als ich in der Gruga das erste Feuerwerk erleben durfte. Angstvoll schaute ich zum Himmel und erwartete wiederum Bomben. – Die Erinnerung ist zwar verblasst; angesichts der jetzigen Kriege und des Terrors in vielen Ländern auf unserer Erde wird sie mein ständiger Begleiter bleiben.


Liebe Gemeindemitglieder und Interessierte!

Beim Bau der Pax-Christi-Kirche in Bergerhausen im Jahre 1951 wurde eine Gedenkstätte errichtet, um der Menschen zu gedenken, die im 2. Weltkrieg gefallen sind. Sehr bald hat die Gemeinde um den Gründerpfarrer Dr. Heyer das Gedenken erweitert auf Menschen, die durch Gewalt getötet wurden.Dieses Gedenken wird bis heute fortgeführt und durch die Pax Christi Gemeinschaft und den Arbeitskreis an Pax organisiert und begleitet.

In diesem Jahr, am 8. Mai, jährt sich das Ende des 2. Weltkriegs zum 75. mal. Schon jetzt wird in der Öffentlichkeit und den Medien in diesen Tagen der Befreiung der Konzentrationslager und letzten Kriegstage gedacht und Überlebende kommen zu Wort.

Auch in unseren Gemeinden und Nachbarschaften gibt es noch Menschen, die ihre eigenen Erinnerungen an diesen Tag bzw. das Kriegsende haben. Sie sind für uns wichtige Zeitzeugen; deshalb möchten wir Sie bitten: schreiben Sie uns, wie Sie den 8.Mai 1945 erlebt haben.

Wir beabsichtigen, ab dem 8. Mai Ihre Erlebnisse hier auf dieser Seite und im Schaukasten der Pax Christi Kirche zu veröffentlichen. Natürlich anonym, aber wenn es Ihnen recht ist, mit Lebensalter (heute oder damals) und Geschlecht.

Bitte schreiben Sie an
paxchristi@laurentius.ruhr
oder werfen Sie Ihren Brief in den Briefkasten der Pax Christi Kirche
An St. Albertus -Magnus 45

Für Ihre Hilfe und Engagement schon jetzt herzlichen Dank.

Für den Arbeitskreis Pax Christi

Pastor Heinrich Henkst     Renate Hartmann    Peter Walllmann